Aufmerksamkeit
Er war gerade noch rechtzeitig gekommen, hatte sich auf den ersten freien Platz fallen lassen, und erst als der Zug schon anfuhr, registrierte er die zwei Stimmen schräg gegenüber, mitten in einem Satz, den er nur zur Hälfte mitbekam.
„… bis Endstation”, sagte der eine gerade, der mit der grauen Kapuzenjacke. „Dann mit dem Bus weiter.”
„Achso, ok”, sagte der andere, der offenbar gefragt hatte, was er nicht mehr gehört hatte. Mehr verstand er nicht, weil sein Handy vibrierte und er kurz nach unten sah.
Er dachte sich nichts dabei. Zwei Männer, die irgendwohin fuhren, irgendein Treffen, eine Verabredung. Es ging ihn nichts an, und er vergaß es in der nächsten Minute wieder, während der Zug aus dem Bahnhof rollte.
Die erste Station zog vorbei. Draußen dämmerte es bereits – nicht ganz dunkel, aber das Licht hatte sich verändert, war flacher geworden, und die Scheiben fingen an, mehr zurückzuspiegeln als hinauszuzeigen. Der Wagen roch nach nassen Jacken und warmer Luft aus den Heizkörpern unter den Sitzen. Jemand tippte auf einem Handy. Jemand anderes hustete einmal, zweimal, dann war es vorbei. Er lehnte sich zurück und dachte an nichts Bestimmtes.
Erst eine Station später stieg sie ein.
Der Zug hielt, und für einen Moment war es nur das übliche Geräusch von Türen und Schritten. Feierabendverkehr. Menschen, die sich aneinander vorbeischoben, Rucksäcke, die gegen Sitzlehnen stießen.
Dann kam sie.
Die Unterhaltung der beiden Männer schräg gegenüber brach kurz ab. Er bemerkte es nur am Rand, das plötzliche Schweigen, registrierte es wie das Aussetzen eines Geräusches, das man gar nicht bewusst wahrgenommen hatte – und dann war es schon wieder vorbei, einer der beiden sagte irgendetwas Leises zum anderen, und er hörte nicht mehr hin.
Er bemerkte es nicht an ihr zuerst, sondern an den anderen. Ein Kopf drehte sich, dann ein zweiter. Zwei Mädchen, die schon eingestiegen waren, stießen sich an und lachten, nicht gehässig, eher anerkennend. Ein älterer Mann, der gerade seine Zeitung aufgeschlagen hatte, ließ sie für einen Atemzug sinken und faltete sie dann betont umständlich wieder zusammen.
Der Rock endete dort, wo bei den meisten Menschen noch eine Handbreit Stoff gefolgt wäre. Die Bluse war locker geschnitten, zwei Knöpfe offener als nötig.
Sie selbst schien das alles nicht zu bemerken. Sie blieb kurz im Gang stehen, den Blick suchend den Wagen entlang, erst nach rechts, zu den freien Plätzen am Fenster, dann einen Moment zu den beiden Männern schräg gegenüber – kaum mehr als ein Blick, vielleicht auch gar keiner –, dann nach links, zu der Sitzgruppe, in der die Frau mit dem Buch bereits saß.
Sie entschied sich für die besetzte Bank.
Die Frau mit dem Buch hatte kurz aufgesehen, ein Blick, der nicht offen wertete, aber eine Spur zu lang blieb, um wirklich beiläufig zu sein. Sie entschied sich für keine sichtbare Reaktion. Sie rutschte ein Stück zur Seite, schuf Platz, der nicht nötig gewesen wäre, und vertiefte sich wieder in ihr Buch – mit einer Konzentration, die eine Spur zu betont wirkte, um echt zu sein. Die Seite, auf der ihr Blick ruhte, blieb dieselbe.
Sie selbst setzte sich, holte ihr Handy aus der Tasche, die quer über ihrer Schulter hing, und war, kaum dass sie saß, schon wieder ganz bei sich.
Er aber saß ihr jetzt gegenüber. Unausweichlich.
Er schaute aus dem Fenster. Bewusst. Konzentriert. Als gäbe es da draußen etwas wirklich Interessantes zu sehen außer vorbeiziehenden Strommasten. Das Glas war dunkel genug, um den Waggon zu spiegeln – verschwommen, kaum mehr als ein heller Streifen Stoff, eine Bewegung. Er schaute weiter hinaus. Es half nichts. Ein Wärmegefühl im Nacken. Der Atem, der eine Spur flacher ging.
Der Zug ruckelte leicht in einer Kurve, und sie kippte ein Stück zur Seite, gegen die Frau mit dem Buch, die kurz hochsah und automatisch auswich, ohne ein Wort zu sagen. Sie selbst murmelte ein knappes „Sorry”, richtete sich wieder auf, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Er sah weg. Zur Frau mit dem Buch, die nicht aufblickte. Zu den beiden Männern gegenüber, von denen einer kurz die Augenbrauen hob, ein stummes Zeichen an den anderen.
Für wen zieht sie sich so an.
Draußen zogen Straßenlaternen vorbei, eine nach der anderen, in gleichmäßigen Abständen. Er sah ihnen nach, ohne wirklich hinzuschauen.
Irgendwo hatte er mal etwas über Pfauen gelesen, schon lange her – wie sie ihr Rad schlugen, nur um wahrgenommen zu werden. Der Gedanke kam ihm jetzt. Vielleicht war das hier auch nur so etwas. Ein Signal ohne bestimmten Empfänger.
Vielleicht auch nicht.
„Wie weit müssen wir noch?”, fragte der eine schräg gegenüber, der mit der grauen Kapuzenjacke, und sah dabei nicht seinen Kumpel an, sondern kurz zu ihr hinüber.
„Endstation”, sagte der andere. „Dann mit dem Bus weiter.”
„Achso, ok.” Eine kurze Pause. „Ist ja eh auf dem Weg.”
Sein Kumpel sagte nichts darauf.
Kurz bevor die Bremsen quietschten, sah sie ins Fenster. Ihr Blick traf sein Spiegelbild. Einen Moment lang, direkt – dann sah er weg.
Die Bremsen quietschten leise. Sie stand auf, schwang sich die Tasche über die Schulter, ohne Eile.
Erst da sahen die beiden Männer sich an. Kein Wort. Nur ein kurzer Blick. Dann standen sie auf, langsam, fast beiläufig, als hätten sie es sich gerade erst überlegt.
Er kannte diese Strecke. Er fuhr sie seit Jahren. Die nächste Haltestelle lag nicht auf dem Weg zu irgendetwas, das diese zwei Männer normalerweise interessieren würde – kein Umsteigepunkt, kein Einkaufszentrum, nur ein Wohngebiet und ein Park dahinter. Endstation war das nicht.
Er saß noch da, als sich die Türen öffneten. Er sah ihr nach, sah die beiden hinter ihr. Die Türen schlossen.
Der Zug fuhr an.
Noch vier Stationen bis zu seiner. Er wusste das, ohne hinzusehen. Der Wagen rollte weiter, dieselben Geräusche wie vorher, dasselbe Licht, dieselbe Luft aus den Heizkörpern. Nur der Platz neben der Frau mit dem Buch war jetzt leer.
Die Frau mit dem Buch blickte den dreien einen Moment durchs Fenster hinterher, bis der Bahnsteig aus dem Blickfeld glitt. Dann schüttelte sie leicht den Kopf, kaum merklich. Bevor sie den Blick senkte, trafen ihre Augen kurz seine. Er war der Erste, der wegschaute.
Er griff nach seinem Handy. Er wischte durch den Feed. Ein Kochvideo. Eine Werbung für Turnschuhe.
Lügen die, dachte er. Oder bin ich der Einzige, bei dem das so ist.
Ein Kurzclip mit einer Katze. Er sah ihn sich an, ohne ihn wirklich wahrzunehmen.
Die Frau mit dem Buch blätterte eine Seite um.
Als die Anzeige über der Tür seine Station ankündigte, steckte er das Handy ein, ohne weiter nachzudenken, stand auf.
Erst auf dem Bahnsteig kam ihm der Gedanke. Irgendwo, vor Jahren, hatte er einmal gelesen, dass die Strahlung des Geräts nicht gut für die Spermien sei, wenn man es zu lange in der Hosentasche trug. Er hatte es nie ernst genommen, aber jetzt zog er es trotzdem wieder heraus, ohne recht zu wissen, wohin damit, hielt es einfach in der Hand, mitten zwischen all den anderen, die einfach nur nach Hause wollten.
Er ging über den Bahnsteig, vorbei an Menschen, die auf den nächsten Zug warteten, vorbei an einer Frau, die ihr Kind an der Hand hielt, das Handy noch immer in der Hand.
Er ging.